Tauchgang in fremde Welten

[Auslöser, 01/2023]

Alexander Herrmann von expanding focus gibt Einblicke in die Entwicklung und Möglichkeiten von Virtual Reality.

Virtual Reality (VR) öffnet die Türen zu völlig neuen Welten. „Die Grundidee ist wahrscheinlich so alt wie der Mensch selbst“, erklärt Alexander Hermann von expanding focus, einer VR-Pro- duktionsfirma in Leipzig. „Also die Idee, dass man sich dorthin verpflanzen kann, wohin man möchte – und zwar von hier auf jetzt.“ Diese Vorstellung fasziniert den VR-Produzenten seit jeher. Gespannt verfolgt er daher die Entwicklung der VR-Technologie, die vor etwa zehn Jahren erst richtig in Schwung kam.

Damals arbeitete der Multimedia-Künstler mit interaktiven Medien bei der Filmakademie in Ludwigsburg. „Ich fand die transmedialen Geschichten extrem spannend und wollte schon immer eine Firma gründen“, erklärt er. Als der US-amerikanische Unternehmer Palmer Luckey im Jahr 2013 die Oculus Rift (eine VR-Brille) erfunden hatte und sein Unternehmen nur kurze Zeit später für 2,3 Milliarden US-Dollar an Facebook verkaufte, war für Herrmann klar: „Das hat Zukunft.“

Ab dem Moment stand für ihn fest, dass er sich mit einer VR-Produktionsfirma selbstständig ma- chen würde. „Ich dachte, dass diese Technologie ein sehr großes Potenzial für alles Mögliche hat“, erklärt er. „Vor allem kann man mit VR Dinge zeigen und erlebbar machen, die sonst zu abgefahren oder gefährlich sind.“ Das befeuerte seine Neugier und auch seinen Spieltrieb. Gleichzeitig war ihm klar, dass es die großen Technikkonzerne sind, die den Ton angeben wür- den. „Meine Mission war damals, dass es auch vernünftige Leute geben muss, die nicht nur monetäre Interessen haben“, sagt er. „Heute, sieben Jahre später, weiß ich natürlich, dass der Einfluss eines kleinen Studios ziemlich begrenzt ist.“ Den Sprung in den Markt hat er damals trotzdem gewagt.

Mittlerweile beschäftigt Alexander Herrmann fünf feste Mitarbeiter:innen. expanding focus konzipiert, finanziert, produziert und vertreibt VR-Experiences. „Wir helfen aber auch anderen Leuten dabei, eines dieser vier Dinge zu tun“, sagt der Unternehmensgründer. Seine Firma produziert nicht nur VR-Experiences: „Wir machen auch artverwandte Sachen wie Augmented Reality (AR)“, erklärt er. „Da sieht man die echte Welt, die mit digitalen Elementen angereichert ist.“

Eines der Projekte, bei dem Alexander Herrmann mit seinem Team entscheidend mitgewirkt hat, ist „Meine Wunderkammern“ – ein transmediales Projekt von Susanne Kim. Die Filmemacherin wollte ursprünglich einen konventionellen Dokumentarfilm drehen, entwickelte letztlich aber ein Projekt, das aus einem Dokumentarfilm, einer VR-Experience und einem Bildungskonzept besteht. In „Meine Wunderkammern“ porträtiert sie vier Kinder, die sich den Erwartungen unserer Gesellschaft entziehen und sich in keine Schublade stecken lassen wollen. Sie nehmen die Zu- schauer:innen mit auf eine Reise in ihre geheime Welt und zeigen, was Kindheit für sie bedeutet.

Eines der Kinder ist der 14-jährige Elias, bei dem Autismus diagnostiziert wurde. „Susanne wollte verstehen, wie die innere Welt dieses Jungen aussieht. Sie fragte ihn, was er schon immer einmal machen wollte“, erzählt Herrmann. „Sein Wunsch war es, durch eine VR-Brille zu gucken, weil er sich für Technik begeistert und die besser verstehe als Menschen.“ Elias erzählte der Regisseurin von seinem Planeten, auf dem es sehr bunt und phantasievoll zugeht. Da kam Kim auf den VR-Experten zu und fragte ihn, ob sie sich eine VR-Brille ausleihen könne. „So kamen wir auf die Idee, die Welt dieser Kinder in die VR-Brille einzubauen.“

„Wir haben uns dann um die VR gekümmert und um die Finanzierung des Projekts“, erzählt der VR-Produzent. Die Fördermittel dafür kamen von der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM), der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und Neue Medien (SLM), der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen (KdFS) und vom KiKA (Kinderkanal von ARD und ZDF). Produziert wurden ein Film und eine VR-Experience. „Diese sind thematisch komplementär, inhaltlich aber selbstständig und in sich geschlossen“, erklärt der VR-Experte.

Insgesamt vier Jahre dauerte es, bis das Projekt fertig war. Seine Weltpremiere feierte „Meine Wunderkammern“ im November 2020 beim International Documentary Film Festival Amsterdam. Es folgten weitere Festivalaufführungen, wie etwa 2021 beim “Goldener Spatz” in Erfurt und bei DOK Leipzig 2021. Im November 2021 startete der Film dann in den Kinos. Zu sehen ist das Projekt jetzt auch bis zum 28. Januar nächsten Jahres in der Galerie für Zeitgenössische Kunst (GFZK) in Leipzig.

Wie „Meine Wunderkammern“ bringe jedes VR-Projekt eine Herausforderung mit sich: „VR ist eine schöne Crossroad zwischen Spiel und Geschichte. Da die richtige Balance zu finden, ist eine sehr hohe Kunst“, weiß Herrmann aus Erfahrung. Die Wirklichkeit verfälschen könne VR aber nicht. „Denn den objektiven Blick gibt es sowieso nicht“, meint er. Eine VR-Experience habe nicht den Anspruch, die Wirklichkeit so abzubilden, wie sie ist. „Vielmehr zeigen wir die Welt durch eine Brille, die ihr so noch nicht aufhattet.“

„Der Film ist im Vergleich zu VR eine andere Facette. Beide lösen in uns ähnliche Emotionen aus, aber auf andere Art und Weise“, erklärt er weiter. Während die Zuschauer:innen bei einem Film mitfühlen, also die Emotionen der Protagonist:innen über Empathie erfahren, imitiere VR ein echtes Erlebnis. „Bei der VR lasse ich den Zuschauer erleben, wie es sich anfühlt, zum Beispiel durch die Welt der Kinder zu gehen.“ Als VR-Produzent versuche er, ein technisches Produkt zu erschaffen, das dabei helfe, Charaktere zu verstehen.

Die Technologie berge eher die Gefahr, dass man sich in einer Realität verlieren kann, die es so gar nicht gibt. „Diese Gefahr besteht aber auch bei Büchern“, wendet Herrmann ein. „Die Technik hat zwar eine besondere Kraft. Doch im Grunde ist es wie mit einem Hammer: Mit dem kann ich einen Nagel in die Wand schlagen oder jemandem den Kopf einhauen.“ Der Hammer könne dafür nichts. Letztlich läge die Verantwortung, was mit der Technik in Zukunft passiert, beim Menschen selbst.

Ein großes Potenzial für die VR-Technologie sieht der Experte im Bildungssektor. „Stell dir vor, du hast eine Blume und könntest in die Zellen der Pflanze gehen, und siehst, was es dort alles zu entdecken gibt“, schwärmt er. „Wie man damit Begeisterung im Menschen wecken könnte!“ Gerade junge Menschen seien sehr begeisterungsfähig. „Ich sehe da so viele Möglichkeiten. Da steckt so viel Potenzial drin!“ Vielleicht widmet Alexander Herrmann ja eines seiner nächsten Projekte einer VR-Experience für Schüler:innen. Spaß dürfte ihm das zumindest machen, denn am liebsten arbeitet er an freien Projekten mit spannenden Themen.